Page 3 - Badener Woche - KW 20 - 2024
P. 3

DIENSTAG, 14. MAI 2024                                                                                                                                       SEITE 3






                                                   FORTSETZUNG

          Ohne die  äusserst befriedi-     Welche Idee steckt hinter der  Welche Folgen hat die Kosten-
          gende Arbeit, welche wir tagtäg-  Kostenbremse-Initiative?        bremse-Initiative für das Ge-
          lich mit den Patientinnen und  Für mich hauptsächlich eine  sundheitspersonal, respektive             Mit spitzer Feder …
          Patienten erleben, wären wohl  politische.  Zwischen den Ext-     für die Hausärzte?
          viele Ärztekolleginnen und -kol-  remen «rechts» und «links» will  Die Lohnkosten sind für uns die
          legen nicht mehr in der Grund-   sich eine neue Partei etablie-   Hauptauslagen in den Praxen.
          versorgung tätig. Etliche Pra-   ren und macht mit Kostenein-     Lohnkürzungen  bedeuten  Ab-
          xen finden keine Nachfolge und  sparungen Werbung. Haushalte  wanderung von qualifizierten                              Glück –
          drohen aufgrund Pensionierung  mit geringem Einkommen sind  Arbeitskräften aus der Patien-
          der Inhaberärzte zu schliessen.  durch die Krankenkassenprä-      tenbehandlung in andere Berei-                        ein ewiger
          Was das für die Kostenentwick-   mien sehr belastet. Einsparun-   che. Die Grundversorgung ge-
          lung im Gesundheitswesen be-     gen tönen auf den ersten Blick  rät dadurch noch mehr unter
          deutet, muss ich hier wohl nicht  verlockend, bei genauerer Be-   Druck und droht auszusterben.                         Tanz!
          ausführen. Die demographische  trachtung ist es wie vorgängig  Stirbt die Hausärztin, dann ster-
          Entwicklung der Bevölkerung  beschrieben ein Eigentor. Auch  ben Patienten.
          zeigt, dass in den nächsten Jah-  die Idee, Kosten des Gesund-                                        Jeden Morgen auf dem Weg zur  Lifestyle führt zu Unzufriedenheit.
          ren bis Jahrzehnte sehr viele  heitswesens an die allgemeine  Was wären die Folgekosten der           Arbeit nach Bern, zeigt sich mir  Sehr wenig Geld zu haben macht
          Menschen in ein Alter kommen,  Teuerung zu koppeln, funktio-      Kostenbremse?                       im 1. Klasse-Abteil dasselbe Bild:  jedoch ebenso unglücklich, denn
          in dem chronische Erkrankun-     niert nicht. Das Bevölkerungs-   Es würde bedeuten, dass wir         Starre Gesichter, hochkonzent-  es  ist  eine  enorme  Belastung
          gen  auftreten.  Diese  Erkran-  wachstum, die Altersstruktur  zwar gleich viel für die Grund-        riert am Arbeiten mit Laptop oder  und  verhindert,  dass Grundbe-
          kungen bedingen einerseits viel  der Bevölkerung und Erkran-      versicherung bezahlen, jedoch       Natel. Es ist ruhig im Wagen – so  dürfnisse befriedigt werden kön-
          Abklärungs- und Betreuungsbe-    kungen wie Übergewicht werden  weniger dafür erhalten, selbst        ruhig, dass man eine Stecknadel  nen. Ergo: Bis zu einem gewissen
          darf, andererseits dementspre-   ausser Acht gelassen, obwohl  bezahlen müssen oder die Be-           fallen hören würde. Und jedes Mal  Punkt macht ein steigendes Ein-
          chend auch Kosten.               dies direkt eine Auswirkung auf  handlungen verzögert erfolgen.      schiesst  mir  folgender  Gedanke  kommen tatsächlich glücklicher –
                                           die Gesundheitskosten hat.       Verzögerte Behandlungen  be-        durch den Kopf: In einer Welt, in  aber reich sein hilft trotzdem nicht
          Kommen  wir  zur  Initiative                                      deuten schwerere Erkrankun-         der Erfolg, Schönheit, Geld und  auf der Suche nach echter Zufrie-
          «Für tiefere Prämien – Kos-      Medizinische  Versorgung wird  gen und dies wiederum höhere          Ansehen oft mehr zählen als in-  denheit.
          tenbremse im Gesundheitswe-      mit dieser Kostenbremse-Ini-     Kosten. Damit würde genau           nere Werte, verstecken wir un-  Dieses Missverständnis bringt
          sen», worüber wir am 9. Juni  tiative von der Konjunktur ab-      das Gegenteil des gewünsch-         ser wahres Gesicht hinter Mas-  uns allerdings unter anderem
          abstimmen. Sie will den konti-   hängig. Wieso ist das gefähr-    ten Effekts eintreten. Für Haus-    ken. Und ich frage mich: «Warum  dazu,  die  Idee  von  einem  «ein-
          nuierlichen Anstieg auf politi-  lich?                            halte mit überdurchschnittli-       tun wird das?» aus Angst da-   fachen Leben» zu romantisie-
          scher respektive gesetzlicher  In  wirtschaftlich  schlechten  chem  Einkommen  wäre  dies            vor, zu zeigen, was uns wirklich  ren: Eine Hütte auf dem Land, ein
          Ebene  stoppen.  Ist dies  aus  Zeiten geht es den Menschen  wohl tragbar. Für jene 50 Pro-           bewegt, wer wir wirklich sind?  paar Tiere, ein Garten und weni-
          Ihrer Perspektive als Aargauer  tendenziell schlechter (Stich-    zent Haushalte mit unterdurch-      Schwäche zu zeigen, wo immer  ger soziale Medien und Konsum.
          Hausarzt der richtige Weg?       wort Arbeitslosigkeit) und sie  schnittlichem Einkommen ent-         von Stärke gesprochen wird? In  Wer davon träumt, der nennt es
          Eindeutig NEIN. Da die Bevöl-    sind mehr krank. Genau dann  steht eine Zweiklassenmedizin.          dieser Kolumne geht es um das  «Entschleunigung», aber meint ei-
          kerung einerseits zahlenmäs-     muss in die Gesundheit inves-    Diese gilt es für mich aus ethi-    Glück des authentischen Seins –  gentlich mehr Resonanz: Ein Le-
          sig zunimmt, andererseits eine  tiert werden. Die COVID-Pan-      schen  Gründen  unbedingt  zu       jeden Tag, mit vollen Herzen. Wir  ben, in dem man mit sich und der
          Überalterung der Gesellschaft  demie hat uns dies erst kürzlich  verhindern. Wir Ärztinnen und        trauen uns zu sein, wer wir wirk-  Welt im Reinen und in Verbindung
          Tatsache ist, müssen die Kosten  vor Augen geführt. Müssten wir  Ärzte  haben  den  hippokrati-       lich sind, mit allen Stärken und ja  ist – und in dem man frei ist vom
          des Gesundheitswesens zuneh-     dann die medizinische Versor-    schen Eid geschworen und wol-       auch vermeintlichen Schwächen.  Steigerungszwang. Wer ständig
          men. Daneben sind Übergewicht  gung einschränken, wäre dies  len kranke Menschen behan-               Mit all unserer lodernden Leiden-  optimiert, der rennt einem Ziel
          und  begleitender  Bewegungs-    fatal und die Folgen nicht ab-   deln und heilen – unabhängig        schaft, Freundlichkeit, Aufmerk-  nach, das es nicht gibt. Ein Gar-
          mangel ein grosses gesell-       sehbar.                          von Alter, Geschlecht, Haut-        samkeit, ansteckenden Begeiste-  ten, ein Haus und ein Hund kön-
          schaftliches und medizinisches                                    farbe, Glaube, sexueller Orien-     rungsfähigkeit, aber auch mit der  nen durchaus glücklicher machen
          Problem. Es sei denn, wir ent-   Das Gesundheitswesen ist jetzt  tierung und sozialem Status.         ungeliebten Ungeduld und Durch-  – das ist aber auch nicht allein die
          scheiden als Gesellschaft, dass  schon stark reguliert. Mit die-                                      lässigkeit. «Es braucht Stärke,  Lösung.
          wir unsere hochstehende Medi-    ser  Kostenbremse  würde  es          Interview: Corinne Remund      verletzlich sein zu können», stellte  Wir haben die Werkzeuge eigent-
          zin nicht mehr erhalten wollen  noch stärke beschnitten. Wie                                          schon die US-amerikanische Ma-  lich längst an der Hand: Wir alle
          und freiwillig auf Behandlun-    sehen Sie das?                                                       lerin Joan Mitchell (1925 bis 1992)  wissen, in welchen Augenbli-
          gen, die aus der Grundversiche-  Leider ist der politische Wille    Dr. med. Stephan Steiner,         fest. Ja, in der Tat das braucht es.  cken wir uns wirklich bei uns füh-
          rung bezahlt werden, verzich-    zu wenig vorhanden, das Sys-       Facharzt FMH für Allgemeine       Und es ist eine der schönsten  len. Was uns davon abhält, ist die
          ten. Unser solidarisches System  tem zu vereinfachen. Ein ers-      Innere Medizin / Fähigkeits-      und besten Erfahrungen, die ich  Angst, abgehängt zu werden –
          ermöglicht allen eine gleiche,  ter Schritt wäre sicher die Ein-    ausweis Manuelle Medizin          in meinem Leben gemacht habe  und der Druck, weiter Ressour-
          qualitativ sehr gute Behand-     führung des TARDOC.  Dieser        SAMM wurde 1978 in Zürich         und immer wieder mache. Verletz-  cen anzuhäufen: Besitz, Anerken-
          lung. Die Kostenbremse-Initia-   ist  von  der  Ärzteschaft  schon   geboren und ist in Eggenwil      lich zu sein, Mensch zu sein, An-  nung, Wissen, Sicherheit.  Und
          tive ist eine direkte Gefährdung  lange  abgesegnet,  wird  aber    (AG) aufgewachsen. Nach der       zunehmen, dass man eine Pause  das alles in einer immer unsiche-
          dieses Systems. Wer selbst be-   vom Eidgenössischen Departe-       Bezirksschule in Bremgarten       braucht, nicht mehr weiter weiss  ren und gefährlicher werdenden
          zahlt, der bekommt schon heute  ment des Innern/vom Bundes-         (AG) folgte die Matura an der     oder gar Unterstützung benötig.  Welt, die jeden Tag aufs neue Ar-
                                                                              Kantonsschule  in  Baden. Er
          alles, was gewünscht ist, daran  rat und von Santésuisse blo-       ist seit 2023 Mitglied der Ge-    Für viele ein fast unüberwindbarer  ten ungemütlicher wird.
          würde auch die Initiative nichts  ckiert. In den letzten 20 Jahren   schäftsleitung  des Aargaui-     Graben, obwohl es meines Erach-  Es wäre also vermutlich auf der
          ändern. Eine Zweiklassenmedi-    gab es 44 Revisionen des Kran-     schen Ärzteverbandes. Seit        tens eine grosse Gnade und Pri-  Suche nach glücklichen Momen-
          zin wäre aber die direkte Folge.  kenversicherungsgesetzes. Jede    2016 ist er Hausarzt am Dok-      vileg ist, uns dies einzugestehen.  ten sehr viel zielführender, wenn
                                           Revision bedeutet für alle Betei-  tor Zentrum Wettingen             Denn sind wir erst einmal an die-  wir alle mehr nach diesem Mo-
          Wieso steigen denn die Prämien  ligten einen enormen adminis-          www.doktorzentrum.ch           sem Punkt angelangt, ist dies eine  ment der Verbindung streben
          respektive die Gesundheitskos-   trativen Aufwand mit entspre-                                        grosse Bereicherung. Es folgt die  würden – und nicht versuchen
          ten jährlich so massiv?          chenden Kosten.                                                      Erkenntnis – wir sind gut, wie wir  würden, uns das Glück mithilfe
          Für mich sind vier Faktoren                                                                           sind. Und diese Einsicht ist der  von To-Do-Listen und Fünf-Jah-
          entscheidend:                                                                                         Weg zum Glück. Wenn wir dies  res-Plänen herbei zu optimieren.
          •  Die  Überalterung und da-       NEIN-Komitee                                                       nämlich  erst  einmal  erkannt  ha-  Das alles ist keine Patentlösung
             durch  mehr  ältere,  kranke    Bis heute gehören dem Komitee folgende Organisationen an:          ben, uns in unserer Gesamtheit  für ein glückliches Leben – wenn
             Personen, denen wir eine                                                                           anzunehmen, steht dem Glück-   es sowas überhaupt gibt. Aber
             hochstehende Medizin er-        •  Schweizerischer Verband der Berufsorganisationen im Ge-         lichsein nichts mehr im Weg –  ein in sich ruhender Mensch, der
             möglichen.                         sundheitswesen (svbg)                                           nach innen wie aussen.         ganz bei sich ist, zieht das Glück
          •  Das steigende Auftreten von     •  Spitex Schweiz                                                  Glück wird als das Resultat von  magisch an. Wer strahlt, wird zu-
             Zivilisationskrankheiten wie    •  Haus- und Kinderärzte Schweiz (mfe)                             Optimierung verstanden: Wenn  rückgestrahlt – das verspricht das
             Übergewicht, Blutzucker.        •  Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pfle-          ich erst diese eine Sache besitze  spirituelle Gesetz der Anziehung:
          •  Die eingangs erwähnte Er-          gefachmänner (SBK)                                              oder  erreicht  habe,  dann  werde  Jeder Mensch sendet ureigene,
             wartungshaltung der Bevöl-      •  Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH)              ich endlich glücklich sein. Aber so  individuelle Energien aus, die mit
             kerung, eine Bestätigung        •  Schweizer Physiotherapie Verband (Physioswiss)                  funktioniert das nicht – das wis-  ähnlichen Energien tanzen und sie
             zu erhalten, gesund zu sein     •  Foederatio Medicorum Chirurgicorum Helvetica (FMCH)             sen wohl die meisten. Reichtum  an sich heranzieht. Das ganze Le-
             und die Unsicherheit betref-    •  Schweizer Dachverband der Ärztenetze (medswissnet)              macht nicht glücklich. Es ist in-  ben und Sein ist ein rhythmischer
             fend körperlicher oder psy-     •  Die Spitäler der Schweiz (H+)                                   zwischen sogar wissenschaftlich  Tanz von Energien – zauberhaft!
             chischer Symptome.              •  Schweizerischer Apothekerverband (pharmaSuisse)                 erwiesen, dass es im Gegenteil
          •  Der zunehmende administ-        •  Schweizerisches Konsumentenforum (kf)                           sogar unglücklich macht, wenn  Herzlichst,
             rative Aufwand, welcher von                                                                        man nach immer mehr Reich-     Ihre Corinne Remund
             der Kernaufgabe der Patien-     www.nein-zur-kostenbremse.ch                                       tum strebt: Ein materialistischer  Verlagsredaktorin
             tenbetreuung abhält.
   1   2   3   4   5   6   7   8