Page 3 - Reinacher Woche - KW 22 - 2023
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DIENSTAG, 30. MAI 2023                                                                                                                                       SEITE 3






                                                   FORTSETZUNG

          Diese Verantwortung sehen die                                     ist abwechslungsreich und an-
          beiden Lehrerinnen Isabel Al-                                     spruchsvoll, dies wissen viele
          biez und Anja Burggraf auch bei                                   zu wenig über die Möglichkei- Mit spitzer Feder …
                                                                            nicht.» Dass viele SchülerInnen
          sich selbst. Beide unterrichten
          eine erste Sekundarstufe an der                                   ten einer Berufslehre aufgeklärt
          Kreisschule Rohrdorfberg und                                      sind und diese unterschätzen,
          waren von dem Anlass positiv                                      könnte einer der Gründe dafür
          überrascht. Isabel Albiez dazu:                                   sein, dass sich wenig SchülerIn-
          «Es hat mich beeindruckt, wel-                                    nen für handwerkliche Lehrstel-                         Abgezockt
          che Weiterbildungsmöglichkei-                                     len bewerben. Sekundarlehrerin
          ten man anschliessend nach der                                    Isabel Albiez nimmt die Lage des
          abgeschlossenen Lehre hat. Es                                     Fachkräftemangels sehr ernst:                           in der Kirche
          zeigt,  dass man nachher noch                                     «Ich finde es tragisch, dass Lehr-
          weiter die Karriereleiter hoch-                                   stellen so schwer zu besetzen
          klettern kann.» Für ihren zu-                               Bild: LR  sind. Deshalb möchte ich in mei-
          künftigen Unterricht habe es  Michael Siegrist, Abdichter EFZ: «Also   nem Schulzimmer versuchen,
          sie sehr motiviert, sich mit die-  bei der Arbeit wird es mir selten kalt.»  meine Schüler/innen für Hand-  In meiner Mittagespause wäh-  meinte dazu – notabene wie-
          ser Berufswelt zu befassen. Anja                                  werksberufe zu sensibilisieren,     rend meiner Arbeitszeit in  der im Opfermodus-Ton – ich
          Burggraf war zusätzlich von der  kräftemangel wurden angespro-    und ihnen die diversen Karriere-    Bern pflege ich oft, eine wun-  solle doch so viel Anstand ha-
          Atmosphäre im Betrieb angetan:  chen. Lehrstellenplätze zu beset-  möglichkeiten aufzeigen. Die Be-   derschöne Kirche in der Nähe  ben und noch eine Kerze für
          «Man merkt, dass die Mitarbei-   zen, ist derzeit so schwierig wie  rufslehre ist eine gute Basis.»   des  Berner Bahnhofes  und  sie anzünden. Ich war sprach-
          tenden hier gerne arbeiten und  noch nie. Um dieses Thema an-     Abschliessend stellte Andreas       Bundeshauses aufzusuchen.  los – und dafür braucht es bei
          die Lernenden sich sicher füh-   zugehen, braucht es Veranstal-   Rüegger, Rechtsberater der Aar-     Sie  ist  für  mich  ein  Kraftort,  mir viel. Wie bitte? Und wo-
          len. Das hat mich beeindruckt.  tungen wie diese, findet Roberto  gauischen Industrie- und Han-       wo ich für einen Moment inne-  mit? Ich hatte keinen Rap-
          Die Freundlichkeit und die Be-   Morandi, Abteilungsleiter bei der  delskammer, fest: «Es ist wich-   halten, loslassen von den ge-  pen mehr im Sack und konnte
          geisterung hat man stark ge-     Berufsberatung ask!: «Es war  tig,  dass  eine  Diskussion  über     schäftlichen Pflichten und im  nicht mal mehr für mich und
          spürt.» Beide Frauen wollen  ein hervorragender Nachmit-          Berufsbildung in den Schulzim-      Gebet und der Mediation zu  meine Lieben eine Kerze an-
          künftig ihre SchülerInnen bei  tag. Der Berufsstolz der Lernen-   mern geführt wird. Es sollten       den göttlichen Mächten eine  zünden!
          der Berufswahl unterstützen und  den und Berufsbildnern war sehr  noch mehr solche Anlässe statt-     kleine Auszeit nehmen kann.
          zum Schnuppern motivieren.       stark spürbar und ansteckend.»  finden, an denen Handwerks-                                         Plötzlich hörte ich ein Ge-
                                           Vor allem der Beruf Spengle-     berufe hautnah erlebt werden        Kürzlich war ich wieder dort.  schrei beim Ausgang der Kir-
          Der Fachkräftemangel besorgt  rIn  faszinierte  den  Abteilungs-  können.»                            Ich wollte eigentlich  gerade  che. Ein bodenständiger Ber-
          Doch der Tag war nicht nur ge-   leiter: «Der Beruf des Spenglers                       Lilly Rüdel   gehen, als mich eine Frau im  ner – ich liebe die Berner und
          prägt von Begeisterung. Auch  ist sehr vielfältig und braucht                                         mittleren Alter in gebroche-   die Kraft ihres Dialektes – wies
          ernste  Themen wie  der  Fach-   viel theoretisches Wissen. Er            www.schoop.com              nem Deutsch ansprach. Sie  der Bettlerin à la Gotthelf den
                                                                                                                fragte mich, ob sie mit mir re-  Weg aus der Kirche. Er klärte
             Nachgefragt bei Dr. Adrian Schoop, Unternehmer, FDP-Grossrat und Nationalratskandidat              den dürfe, sie sei verzweifelt.  mich dann auf, dass es ein
                                                                                                                Wie kann man als christlicher  Problem sei, dass hier Bettler
                                                                                                                Mensch einer solchen Bitte  die Kirchgänger störten. Zu-
          Sie bieten in Ihrem Betrieb fünf                                                                      nicht nachkommen? Also  dem sei das Betteln im Got-
          Lehrberufe an. Wie wichtig ist                                                                        hörte ich ihr zu.              teshaus verboten.  Das  sei
          Ihnen den Nachwuchs auszu-                                                                                                           eine eiskalte Abzockerei.
          bilden?                                                                                               Sie erzählte mir von einer
          Die Ausbildung von jungen                                                                             Zwangsheirat mit einem Mos-    Die meisten Bettler seien bes-
          Menschen ist für uns enorm                                                                            lem in Mazedonien, von drei  ser angezogen als wir Schwei-
          wichtig – für uns als Unterneh-                                                                       Kindern, die sie ernähren  zer. Stimmt, das war mir gar
          men, als auch für die Branchen,                                                                       musste, von grossen Schul-     nicht aufgefallen. Doch als ich
          in denen wir tätig sind. Im Mo-                                                                       den, einem Vermieter, der zur  der Dame hinterherblickte,
          ment beschäftigen wir rund 20                                                                         Polizei gehen wolle und, dass  fiel mir ihre schöne, saubere,
          Lernende. Wir können in Zu-                                                                           sie keine Arbeit fände, da  ja geradezu gepflegte Klei-
          kunft nur auf Fachkräfte zäh-                                                                         sie illegal in der Schweiz sei.  dung auf. Er prophezeite mir,
          len, wenn wir auch bereit sind,                                                                       Kurz und bündig: Sie wollte  dass demnächst wohl bald
          sie von Grund auf auszubilden.                                                                        Geld von ihrer «christlichen  die nächste Bedürftige ange-
                                                                                                       Bild: LR
                                                                                                                Schwester», wie sie mich  schlichen käme. Und tatsäch-
          Welche Erfahrungen machen  Gruppenfoto des stolzen Teams der Schoop + Co. AG: Adrian Schoop, National-  nannte.  Ich  war  immer  noch  lich: Noch während unseres
          Sie mit Ihren Lernenden?         ratskandidat und CEO; David Scaturro, Lernender; Noah Volpi, Lernender; Gina   halb in meiner göttlichen Me-  Gesprächs in der Kirche vor
          Ich bin immer wieder beein-      Dal Maso, Leiterin HR.                                               ditation und wurde irgendwie  dem Lichtermeer für die hei-
          druckt,  wie  rasch  Jugendliche                                                                      völlig überrumpelt. Mein sonst  lige Maria wurden wir einmal
          sich bei uns einleben, Berufsstolz  fordert, stellen vieles in Frage.  Das EBA bietet zum Beispiel    scharfer Verstand war gerade  mehr um Geld angehauen.
          entwickeln und selbständig wer-  Sie brauchen verlässliche An-    Menschen mit einem Migra-           gar  nicht  präsent  und  –  ob-
          den. Sie übernehmen Verantwor-   sprechpersonen. Die Berufsbil-   tionshintergrund eine gute Ba-      wohl mich mein Bauchgefühl  Völlig desillusioniert zog ich
          tung und sind motiviert, wenn sie  dungsverantwortlichen und das  sis. Ich bin überzeugt: Wer         warnte – war ich völlig er-    von dannen – weg von mei-
          spüren, dass wir ihnen etwas zu-  HR sind für unsere Lernenden  arbeiten kann, integriert sich        schlagen von dieser dramati-   nem Kraftort. Zurück blieb ein
          trauen. Natürlich gibt es Krisen.  in Krisensituationen eine wich-  schneller. Das ist für uns auch   schen Geschichte.              schales Gefühl – nicht wegen
          Eine gute Betreuung ist in sol-  tige Anlaufstelle.               der Grund, warum wir mehre-                                        des Geldes. Das kann ich ver-
          chen Situationen zwingend.                                        ren Flüchtlingen die Möglich-       Ich hatte nur mein kleines  schmerzen. Am meisten be-
                                           Wie gefragt respektive attrak-   keit geben, ein EBA zu machen.      Portemonnaie dabei und gab  schäftige mich, dass ich an
          Die Schweizer KMU-Wirtschaft  tiv sind Ihre Berufe Spengler/-     Ich stelle fest, dass Menschen,     ihr 60 Franken, respektive al-  einem für mich heiligen Ort,
          spürt  den  Fachkräftemangel.  in EFZ, Abdichter/-in EFZ und  die diese Chance bekommen,              les, was ich dabei hatte. Doch  mitten in der Geborgenheit
          Wie schwierig ist es, Lernende  Gärtner/-in EFZ.                  überaus motivierte und zuver-       das reichte der Bettlerin, de-  und Sicherheit der geistigen
          zu rekrutieren?                  Diese Berufe sind ausserordent-  lässige Mitarbeitende sind.         ren Ton langsam eindringlicher  Welt von der Realität einge-
          Auch für uns ist es nicht immer  lich attraktiv. Es herrscht Fach-                                    und resoluter wurde, nicht. Sie  holt wurde.
          einfach, die Lehrstellen zu be-  kräftemangel und Lehrabgänge-    Wie wollen Sie in Zukunft Ler-      wollte unter  dem  Motto «je-
          setzen – vor ein paar Jahren hat-  rinnen und Lehrabgänger sind  nende für einer Ihrer Berufe         der Rappen zählt», auch noch  Wie auch immer: Ich schaue
          ten wir noch 30 Lernende, heute  sehr gesucht. Ist man motiviert,  gewinnen?                          mein Kleingeld, das ich ihr  es als Wink des Universums
          nur noch 20. Wir versuchen an  so kann man sich weiterbilden  Unser Unternehmen will der at-          dummerweise freigiebig gab.  an, mich besser abzugren-
          Anlässen präsent zu sein und la-  und rasch Karriere machen.  traktivste Arbeitgeber der Re-          Doch nicht genug – sie jam-    zen und besser auf mich zu
          den regelmässig in unser Unter-  Da das Schweizer Bildungssys-    gion sein. Das erreichen wir, in    merte weiter und bedrängte  achten – und dabei das Gute
          nehmen ein. Häufig kommen  tem sehr durchlässig ist, ist alles  dem wir unseren Mitarbeiten-          mich  geradezu,  mit  ihr  doch  nicht  aus  dem  Blickfeld  zu
          gute Lernende via Mund-zu-       möglich – auch Sergio Ermotti,  den Perspektiven bieten, sie for-    auf die Bank zu gehen, ich  verlieren. Und zudem gab mir
          Mund-Propaganda zu uns.          CEO der UBS, hat seinen beruf-   dern und fördern. Durch mein        hätte sicher meine Bankkarte  das Erlebte Stoff für eine neue
                                           lichen Weg übrigens mit einer  politisches Engagement versu-         dabei.                         «spitze Feder».
          Was sind die grössten Heraus-    Lehre begonnen.                  che ich, die Rahmenbedingun-
          forderungen bei der Ausbildung                                    gen für Unternehmen positiv zu      Da reichte es mir. Mein Ver-
          von Lernenden?                   Sie bieten auch EBA-Lehren an.  beeinflussen und unserer Bran-       stand war wieder erwacht.  Herzlichst,
          Die Jahre zwischen 16 und 20  Wie wichtig sind diese Lehren  che eine Stimme zu geben.                Und ich schickte sie weg  Ihre Corinne Remund
          sind für viele nicht einfach.  für die Wirtschaft und welche                                          mit einem scharfen Nein. Sie  Verlagsredaktorin
          Die Jugendlichen sind sehr ge-   Erfahrungen machen Sie dabei?                                 LR
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