Page 9 - Reinacher Woche - KW 22 - 2023
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DIENSTAG, 30. MAI 2023                                                                                                                                       SEITE 9







                                                                                               DIE STIMME DER KMU UND DER WIRTSCHAFT



                                                                                              Ich mag


                                                       Jugend von heute                       Mohrenköpfe


                                                                                              Wer im Kiosk einen Mohrenkopf kauft,
                                                                                              ist kein Rassist. Wer im Restaurant
                                                                                              ein Zigeunerschnitzel isst, hat nichts
                                                                                              gegen Fahrende – eher das Gegenteil
                                                                                              ist zu vermuten, denn er isst ja wie sie.
            ÖV – Spiegel unserer                                                              Wer eine Pizza Hawaii geniesst, macht
                                                                                              kein Statement über de-, neo- oder
            Rücksichtslosigkeit!                                                              postkoloniale Verhältnisse.

                                                                                              Sollte man gar in Deutschland unter-
                                                                                              wegs sein, dann ist selbst schon
                                                                                              die Bezeichnung Curry ein Problem.
            ÖV. Ein massgeblicher Bestandteil  hen, geruchsintensive Mahlzeiten es-           Denn dahinter wird eine gefährliche
            unserer  Schweizer  Gesellschaft.  Ob  sen oder laut telefonieren. Entweder       Verkürzung der asiatischen Küche
            zur Arbeit, zur Schule, zum Sport  fühlt man sich zu wohl und behandelt           oder schon gar strukturellen Rassis-
            oder in den Ausgang – der ÖV bringt  den ÖV wie sein 2. Zuhause oder der          mus vermutet. Mir ist zwar weder klar,                                   Bild: zVg
            uns überall hin, meistens auf die Mi-  ÖV verwandelt sich, im übertrage-          was Verkürzung heisst, noch was mit       ZUR PERSON:
            nute genau wie das Schweizer Uhr-      nen Sinne, in eine «Gefängniszelle»,       strukturellem Rassismus gemeint ist.      Henrique Schneider ist Verleger der
            werk. Doch sind wir ehrlich, die we-   in der man den Kontakt zu den an-          Dass aber die Currywurst verschwin-       «Umwelt Zeitung». Der ausgebildete
            nigsten fahren gerne                                   deren Passagieren          den sollte, das fände ich schade.         Ökonom befasst sich mit Umwelt und
            ÖV, niemand ist frei-   «Am meisten über einen         auf das Wenigste                                                     Energie aber auch mit Wirtschafts-
            willig dort. Die meis-    Menschen sagt nicht          minimieren möchte          Man könnte wohlwollend vermu-             und internationaler Politik.
            ten SchweizerIn-                                       und nicht einmal ne-       ten, die Diskussion um angemessene
            nen sind aufgrund      aus, wie er mit Freunden        ben Fremden sitzen         Sprache sei der Ausdruck einer Ge-
            nachhaltiger, finan-      umgeht, sondern mit          kann. Eine Grau-           sellschaft, die gar keinen Spass mehr
            zieller oder prakti-            Fremden.»              zone gibt es in vie-       verstehen will. Doch das greift leider  sor oder eben als Rassist abgestem-
            scher Vorteile auf           Dante Alighieri           len Fällen nicht.          zu kurz. In der Realität geht es um et-  pelt. Darauf folgt die soziale Ächtung.
            den ÖV angewie-                                        Diese Kolumne lie-         was ganz anderes: Es geht um Macht  Genau dieser Mechanismus ist ty-
            sen. Sie verbringen                                    fert hier leider keine     und Kontrolle.                          pisch für totalitäre Projekte.
            dort mehrere Stunden pro Woche.  allumfassend gültige Antwort darauf,
            Nehmen wir an, dass wir durch-         weshalb wir dies machen, und um            Der Ausgangspunkt der Debatte ist  Die  gute  Nachricht:  Gerade  bei  der
            schnittlich ca. 40min jeden Tag im ÖV  dies geht es hier auch gar nicht. Man      die Skandalisierung. Man täuscht eine  Sprache funktionieren solche Macht-
            sind. Das wären in einer 5-Tage-Wo-    sollte sich lediglich über sein eigenes    Hypersensibilität  vor                                  und Kontrollmecha-
            che, mit 143 Ferien/Wochenend-Ta-      Handeln bewusst werden und mer-            und stellt alles, was                                   nismen nicht. Denn
            gen Abzug, summiert:  8880min, um-     ken, welche Konsequenzen es mit            diese auch nur streift                                  Sprache ist etwas,
            gerechnet 148h. Also 6.1 Tage pro  sich zieht.                                    als Aggression dar:                                     was man nicht von
            Jahr. Knapp eine Woche verbringen                                                 Die Birne Hélène wird                                   oben planen kann.
            wir pro Jahr im ÖV mit anderen Men-    Immer mehr hat sich das Denken             zu einer Beleidigung                                    Sprache entsteht im
            schen. Eine Woche, die man als Kind  «Ich-sehe-die-Person-sowieso-nicht-          aller Hélènes aufge-                                    Konsens der Spre-
            früher im Jubla Lager oder in Sport-   mehr» breit gemacht. Zwar dient dies       bauscht; der Coupe                                      chenden und entwi-
            lagern verbrachte. Zusammengewür-      als eine Art Rettungsring beim Ver-        Dänemark wird als                                       ckelt sich dort weiter.
            felt mit teilweise fremden Kinder. Man  lassen seiner Komfortzone, mit dem        faktische Kriegserklä-                                  Selbst wenn einige
            begegnete sich: rücksichtsvoll, zu-    man versucht, seiner Unsicherheit          rung hochstilisiert.                                    nun nicht mehr Neg-
            vorkommend, kooperativ.                den Wind aus den Segeln zu nehmen.                                                                 roni sagen, was ihr
                                                   Die Grenze zwischen Selbstbewusst-         Dabei wird etwas be-                                    Recht ist, bleibt der
            Im Gegenteil zu dieser Kultur hat sich  sein und Egoismus ist jedoch sehr         wusst ausser Acht                            Bilder: pixabay  Name des Getränks
            im ÖV eine andere eingebürgert. Ach-   schmal. Nur weil man für sich selbst       gelassen. Sprache                                       im Volksmund.
            ten Sie sich das nächste Mal, wenn  in der Öffentlichkeit einsteht, heisst es     drückt sogenannte
            Sie in einen Bus einsteigen. Garantiert  nicht, dass die Bedürfnisse der Mit-     mentale Zustände                                        Die Probe aufs Ex-
            sitzt die Hälfte der Passagiere entwe-  menschen minder sind und ignoriert        aus. Das heisst: Wer                                    empel: gemäss den
            der auf dem äusseren Platz oder die  werden dürfen. Selbstbewusst gleich          etwas sagt, hat eine                                    Medien halten sich
            Tasche ist auf diesem Sitz platziert.  rücksichtsvoll.                            Vorstellung von dem,                                    nur wenige Sprecher
            Auch wenn nur die Hälfte der Plätze                                               was er sagen will. Man                                  in der Schweiz an
            effektiv  besetzt  ist,  bleibt  für  Zuge-  Klar, finde ich auch, dass es beque-  kann Sprache nicht                                     die «Richtlinien» der
            stiegene trotzdem kein freier Platz  mer ist, meine Tasche auf den ande-          ohne die Vorstellung                                    Sprachkontrolleure.
            mehr übrig. Für diese gilt nämlich:  ren Platz zu legen. Sobald aber mehr         des Sprechenden be-                                     Aber  man  sollte  das
            Wer sitzen will, muss fragen und auch  Fahrgäste einsteigen, sollte es sich       werten. Der Sprecher,                                   nicht einfach so ab-
            dann wird manchmal ungern Platz  einbürgern, diesen wieder freizuma-              der  sich einen  guten                                  tun.  Denn  totalitäre
            gemacht. Ich würde lügen, wenn ich  chen, ohne dass ein anderer fragen            Rum genehmigen will                                     Projekte streben im-
            nicht zugeben würde, dass ich mich  muss, ob man rutschen kann. Denn              und eine Negrita bestellt, ist kein Ras-  mer nach Macht. Wenn sie diese er-
            nicht auch schon ertappt habe, den  ich glaube, wir sind uns alle einig:          sist, weil er keine solche Absicht hat.  langt haben, unterdrücken sie.
            Platz neben mir zu besetzen. Doch  Niemand steht gerne im Bus. Auch               Ihm das zu unterstellen, ist vermessen
            diese Angewohnheit ist nicht nur auf  Fremde, die für immer Fremde blei-          und einfach nur beleidigend.            Wir dürfen deshalb nicht zulassen,
            die junge Generation zurückzufüh-      ben, sind ein Teil unseres Lebens.                                                 dass die Sprachkontrolleure Ober-
            ren. Es ist ein generationenübergrei-  Genau deswegen sollten wir sie auch        Doch gerade darum geht es den  hand gewinnen. Wir müssen sie ent-
            fendes Problem. Vor allem durch Co-    wie unser eigenes Umfeld behandeln:        Sprachkontrolleuren. Ihnen ist es egal,  larven als das, was sie sind: Macht-
            rona wurde dieses Phänomen meines  Rücksichtsvoll, zuvorkommend,  ko-             was der Sprecher denkt, fühlt oder  und kontrollgierige Totalitaristen. Und
            Erachtens noch verstärkt. Dazumal  operativ.                                      überhaupt nur will. Denn es geht ihnen  dann sind sie erst noch Spassbefreit.
            wurde  der  Sicherheitsabstand  skla-                                             eigentlich nicht um die Sprache, und
            visch eingehalten und diese Kultur so                                             schon gar nicht um den Sprechenden.  Deshalb esse ich derweil mit grossem
            gerechtfertigt. Nun sind wir wieder in  Herzlichst                                Sie wollen Macht über andere Leute  Genuss und Gewinn einen Mohren-
            der Normalität ohne Sicherheitsvor-    Lilly Rüdel                                ausüben. Sie wollen andere zwingen,  kopf.
            kehrungen, ohne Masken. Es gibt                                                   ihnen zu folgen, indem sie ihre Weltbil-
            keinen Grund, der als Ausrede die-                                                der aufdrücken. Die Sprachkontrolle
            nen könnte. Das gesamthafte Auf-                                                  ist nur ein Instrument dafür.
            treten im ÖV ist zum Spiegel unserer
            Rücksichtslosigkeit gegenüber ande-                                               Sprachkontrolleure verfolgen ein to-
            ren geworden. Es gibt immer wieder                                                talitäres Projekt. Wer sich nicht ihnen  Ihre Meinung zu diesem Thema inter-
            Fahrgäste, die Musik hören, sich im                                               unterstellt,  ist böse. Wer nicht ihre  essiert uns. Schreiben Sie per Mail an:
            ÖV schminken, ihre Schuhe auszie-                                                 Sicht der Dinge teilt, wird als Aggres-  schneider@umweltzeitung.ch
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