Page 2 - Zofinger Woche - KW 22 - 2024
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SEITE 2 DIENSTAG, 28. MAI 2024
«Kostenbremse-Initiative ein Eigentor!»
Dr. med. Stephan Steiner, Facharzt FMH für Allgemeine Innere Welche Idee steckt hinter der Welche Folgen hat die Kosten-
Medizin und Geschäftsleitungsmitglied des Aargauischen Ärz- Kostenbremse-Initiative? bremse-Initiative für das Ge-
teverbandes, kennt das Gesundheitswesen und weiss, wo es im Für mich hauptsächlich eine sundheitspersonal, respektive
Argen liegt. Die Initiative «Für tiefere Prämien – Kostenbremse politische. Zwischen den Extre- für die Hausärzte?
im Gesundheitswesen» würde die jetzt schon angespannte Si- men «rechts» und «links» will Die Lohnkosten sind für uns die
tuation nur noch verschärfen und ist für Ärzte wie auch Pa- sich eine neue Partei etablieren Hauptauslagen in den Praxen.
tienten eine Einbahnstrasse. Er zeigt hier auf, wieso es nicht und macht mit Kosteneinsparun- Lohnkürzungen bedeuten Ab-
funktioniert, Kosten des Gesundheitswesens an die allgemeine gen Werbung. Haushalte mit ge- wanderung von qualifizierten
Teuerung zu koppeln. ringem Einkommen sind durch Arbeitskräften aus der Patien-
die Krankenkassenprämien sehr tenbehandlung in andere Berei-
Sie sind Facharzt FMH für Allge- stufen ist, ist für viele Menschen belastet. Einsparungen tönen auf che. Die Grundversorgung ge-
meine Innere Medizin im Doktor ohne medizinisches Fachwissen den ersten Blick verlockend, bei rät dadurch noch mehr unter
Zentrum in Wettingen. Wie hat nicht möglich. genauerer Betrachtung ist es wie Druck und droht auszusterben.
sich die Gesundheitsbranche in vorgängig beschrieben ein Eigen- Stirbt die Hausärztin, dann ster-
den letzten zehn Jahren verän- Sie verfügen über 18 Jahre Er- tor. Auch die Idee, Kosten des ben Patienten.
dert? fahrung in Ihrem Beruf und ken- Gesundheitswesens an die all-
Dr. med. Stephan Steiner: In nen die Gesundheitsbranche. gemeine Teuerung zu koppeln, Was wären die Folgekosten der
den letzten zehn Jahren sind für Wie effizient ist die Aargauische funktioniert nicht. Das Bevölke- Kostenbremse?
mich einige Tendenzen wahr- Gesundheitsversorgung und wo Bild: zVg rungswachstum, die Altersstruk- Es würde bedeuten, dass wir
nehmbar. Zum einen der zuneh- liegen die grossen Herausforde- Dr. med. Stephan Steiner: «Die Kos- tur der Bevölkerung und Erkran- zwar gleich viel für die Grund-
mende «Druck», Patientinnen rungen? tenbremse-Initiative führt dazu, dass kungen wie Übergewicht werden versicherung bezahlen, jedoch
und Patienten ohne hausärztli- Die Aargauische Gesundheits- wir zwar gleich viel für die Grundver- ausser Acht gelassen, obwohl weniger dafür erhalten, selbst
che Betreuung neu aufnehmen versorgung ist meiner Meinung sicherung bezahlen, jedoch weniger dies direkt eine Auswirkung auf bezahlen müssen oder die Be-
zu müssen, damit die Notfallsta- nach sehr effizient, ist aber auf- dafür erhalten, selbst bezahlen müs- die Gesundheitskosten hat. handlungen verzögert erfolgen.
tionen nicht mit Bagatellen über- grund der chronischen Überlas- sen oder die Behandlungen verzögert Verzögerte Behandlungen be-
füllt werden. Durch den Mangel tung in einem äusserst labilen erfolgen.» Medizinische Versorgung wird deuten schwerere Erkrankun-
an Ärztinnen und Ärzten in der Zustand. Das System läuft kon- mit dieser Kostenbremse-Ini- gen und dies wiederum höhere
Grundversorgung (Hausarztme- stant am Anschlag, der Frust ist ber wir am 9. Juni abstimmen. tiative von der Konjunktur ab- Kosten. Damit würde genau
dizin, Kinder- und Jugendmedi- verständlicherweise vielerorts Sie will den kontinuierlichen hängig. Wieso ist das gefähr- das Gegenteil des gewünsch-
zin und Psychiatrie) gibt es viele aufgrund der genannten Verän- Anstieg auf politischer respek- lich? ten Effekts eintreten. Für Haus-
Patientinnen und Patienten, die derungen gross bis sehr gross. tive gesetzlicher Ebene stoppen. In wirtschaftlich schlechten halte mit überdurchschnittli-
keine andere Anlaufstelle als die Es gibt Umfragen unter Ärztin- Ist dies aus Ihrer Perspektive Zeiten geht es den Menschen chem Einkommen wäre dies
Notfallstationen haben. nen und Ärzten, in denen über als Aargauer Hausarzt der rich- tendenziell schlechter (Stich- wohl tragbar. Für jene 50 Pro-
Daneben kämpfen wir seit Jah- 50 Prozent der Befragten ange- tige Weg? wort Arbeitslosigkeit) und sie zent Haushalte mit unterdurch-
ren um die Einführung eines ben, an Burnout-Symptomen zu Eindeutig NEIN. Da die Bevöl- sind mehr krank. Genau dann schnittlichem Einkommen ent-
neuen Tarifsystems (TARDOC), leiden. Dies ist beängstigend. Die kerung einerseits zahlenmäs- muss in die Gesundheit inves- steht eine Zweiklassenmedizin.
welches flexibler auf die Ent- aktuelle Polemik mit dem «Doc- sig zunimmt, andererseits eine tiert werden. Die COVID-Pan- Diese gilt es für mich aus ethi-
wicklungen reagieren kann, als tor-Bashing» hilft hier ganz si- Überalterung der Gesellschaft demie hat uns dies erst kürzlich schen Gründen unbedingt zu
das überaltete momentane Ta- cher nicht! Tatsache ist, müssen die Kosten vor Augen geführt. Müssten wir verhindern. Wir Ärztinnen und
rifsystem (TARMED). Der Kos- des Gesundheitswesens zuneh- dann die medizinische Versor- Ärzte haben den hippokrati-
tendruck in der Grundversor- In welche Richtung entwickelt men. Daneben sind Übergewicht gung einschränken, wäre dies schen Eid geschworen und wol-
gung steigt, da wir in einem sich unser Gesundheitswesen, und begleitender Bewegungs- fatal und die Folgen nicht ab- len kranke Menschen behan-
tariflich regulierten Umfeld der im Speziellen die Hausarztpra- mangel ein grosses gesellschaft- sehbar. deln und heilen – unabhängig
freien Markwirtschaft ausgelie- xen? liches und medizinisches von Alter, Geschlecht, Haut-
fert sind, was Löhne der Mit- Die Hausarzt-, Kinder- und Ju- Problem. Es sei denn, wir ent- Das Gesundheitswesen ist jetzt farbe, Glaube, sexueller Orien-
arbeiterinnen und Mitarbeiter, gendmedizin- und Psychiatrie- scheiden als Gesellschaft, dass schon stark reguliert. Mit die- tierung und sozialem Status.
Miete, IT- und Energiekosten praxen sind an letzter Stelle der wir unsere hochstehende Medi- ser Kostenbremse würde es
anbelangt. Einen Teuerungsaus- «Nahrungskette», obwohl unsere zin nicht mehr erhalten wollen noch stärke beschnitten. Wie Interview: Corinne Remund
gleich bei den Einnahmen ken- Arbeit nachgewiesenermassen und freiwillig auf Behandlungen, sehen Sie das?
nen wir nicht, müssen ihn aber die kostengünstigste Art der me- die aus der Grundversicherung Leider ist der politische Wille
bei den Ausgaben mitmachen. dizinischen Versorgung darstellt. bezahlt werden, verzichten. zu wenig vorhanden, das Sys- Dr. med. Stephan Steiner,
Der Taxpunktwert ist im Aargau Wir können in unseren Praxen Unser solidarisches System er- tem zu vereinfachen. Ein ers- Facharzt FMH für Allgemeine
Innere Medizin / Fähigkeits-
seit 2007 unverändert. bekannterweise 80 bis 90 Pro- möglicht allen eine gleiche, qua- ter Schritt wäre sicher die Ein- ausweis Manuelle Medizin
Die administrativen Aufwände zent der Probleme abschlies- litativ sehr gute Behandlung. führung des TARDOC. Dieser SAMM wurde 1978 in Zürich
haben spürbar zugenommen, send lösen. Trotz Verankerung Die Kostenbremse-Initiative ist ist von der Ärzteschaft schon geboren und ist in Eggenwil
sei es bei Rückfragen/Rechtfer- der Sicherstellung einer Grund- eine direkte Gefährdung die- lange abgesegnet, wird aber (AG) aufgewachsen. Nach der
tigungen für Therapien gegen- versorgung in der Bundesver- ses Systems. Wer selbst bezahlt, vom Eidgenössischen Departe- Bezirksschule in Bremgarten
über den Krankenkassen, neuen fassung (Abstimmung 2014) ist der bekommt schon heute alles, ment des Innern/vom Bundes- (AG) folgte die Matura an der
behördlichen Auflagen (Daten- hier noch viel zu wenig gesche- was gewünscht ist, daran würde rat und von Santésuisse blo- Kantonsschule in Baden. Er
schutzgesetz, Sicherheitskon- hen. Ohne die äusserst befriedi- auch die Initiative nichts än- ckiert. In den letzten 20 Jahren ist seit 2023 Mitglied der Ge-
zepte, Elektronisches Patien- gende Arbeit, welche wir tagtäg- dern. Eine Zweiklassenmedizin gab es 44 Revisionen des Kran- schäftsleitung des Aargaui-
tendossier, Qualitätsnachweise/ lich mit den Patientinnen und wäre aber die direkte Folge. kenversicherungsgesetzes. Jede schen Ärzteverbandes. Seit
Zertifizierungen).Schliesslich Patienten erleben, wären wohl Revision bedeutet für alle Betei- 2016 ist er Hausarzt am Dok-
ist seit der COVID-19-Pande- viele Ärztekolleginnen und -kol- Wieso steigen denn die Prämien ligten einen enormen adminis- tor Zentrum Wettingen
mie auch eine veränderte Erwar- legen nicht mehr in der Grund- respektive die Gesundheitskos- trativen Aufwand mit entspre- www.doktorzentrum.ch
tungshaltung der Bevölkerung versorgung tätig. Etliche Pra- ten jährlich so massiv? chenden Kosten.
an die medizinische Versorgung xen finden keine Nachfolge und Für mich sind vier Faktoren ent-
wahrzunehmen: Vor zehn Jah- drohen aufgrund Pensionierung scheidend:
ren erfolgte ein Arztbesuch auf- der Inhaberärzte zu schliessen. • Die Überalterung und da- NEIN-Komitee
grund von Symptomen mit ent- Was das für die Kostenentwick- durch mehr ältere, kranke
sprechenden Abklärungen zum lung im Gesundheitswesen be- Personen, denen wir eine Bis heute gehören dem Komitee folgende Organisationen an:
Ausschluss einer Erkrankung. deutet, muss ich hier wohl nicht hochstehende Medizin er- • Schweizerischer Verband der Berufsorganisationen im Ge-
Heute erfolgen Arztbesuche häu- ausführen. Die demographische möglichen. sundheitswesen (svbg)
fig ohne Symptome, es soll si- Entwicklung der Bevölkerung • Das steigende Auftreten von • Spitex Schweiz
chergestellt werden, dass keine zeigt, dass in den nächsten Jah- Zivilisationskrankheiten wie • Haus- und Kinderärzte Schweiz (mfe)
Erkrankung vorliegt. Die Ab- ren bis Jahrzehnte sehr viele Übergewicht, Blutzucker. • Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pfle-
klärungen sind jeweils dieselben, Menschen in ein Alter kommen, • Die eingangs erwähnte Er- gefachmänner (SBK)
mehr Patientinnen und Patien- in dem chronische Erkrankun- wartungshaltung der Bevöl- • Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH)
ten müssen abgeklärt werden gen auftreten. Diese Erkrankun- kerung, eine Bestätigung zu • Schweizer Physiotherapie Verband (Physioswiss)
mit entsprechender Kostenfolge. gen bedingen einerseits viel Ab- erhalten, gesund zu sein und • Foederatio Medicorum Chirurgicorum Helvetica (FMCH)
Die Unsicherheit bezüglich Ein- klärungs- und Betreuungsbedarf, die Unsicherheit betreffend • Schweizer Dachverband der Ärztenetze (medswissnet)
ordnung von Symptomen/Be- andererseits dementsprechend körperlicher oder psychi- • Die Spitäler der Schweiz (H+)
schwerden nimmt zu – und dies auch Kosten. scher Symptome. • Schweizerischer Apothekerverband (pharmaSuisse)
trotz zunehmender Verfügbar- • Der zunehmende administ- • Schweizerisches Konsumentenforum (kf)
keit von Informationen im Inter- Kommen wir zur Initiative «Für rative Aufwand, welcher von
net. Die Gewichtung, ob etwas tiefere Prämien – Kostenbremse der Kernaufgabe der Patien- www.nein-zur-kostenbremse.ch
als schlimm oder harmlos einzu- im Gesundheitswesen», worü- tenbetreuung abhält.

