Page 2 - Zofinger Woche - KW 22 - 2024
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                                      «Kostenbremse-Initiative ein Eigentor!»




          Dr. med. Stephan Steiner, Facharzt FMH für Allgemeine Innere                                        Welche Idee steckt hinter der  Welche Folgen hat die Kosten-
          Medizin und Geschäftsleitungsmitglied des Aargauischen Ärz-                                         Kostenbremse-Initiative?         bremse-Initiative für das Ge-
          teverbandes, kennt das Gesundheitswesen und weiss, wo es im                                         Für mich hauptsächlich eine  sundheitspersonal, respektive
          Argen liegt. Die Initiative «Für tiefere Prämien – Kostenbremse                                     politische. Zwischen den Extre-  für die Hausärzte?
          im Gesundheitswesen» würde die jetzt schon angespannte Si-                                          men  «rechts»  und  «links»  will  Die Lohnkosten sind für uns die
          tuation nur noch verschärfen und ist für Ärzte wie auch Pa-                                         sich eine neue Partei etablieren  Hauptauslagen in den Praxen.
          tienten eine Einbahnstrasse. Er zeigt hier auf, wieso es nicht                                      und macht mit Kosteneinsparun-   Lohnkürzungen  bedeuten  Ab-
          funktioniert, Kosten des Gesundheitswesens an die allgemeine                                        gen Werbung. Haushalte mit ge-   wanderung von qualifizierten
          Teuerung zu koppeln.                                                                                ringem Einkommen sind durch  Arbeitskräften aus der Patien-
                                                                                                              die Krankenkassenprämien sehr  tenbehandlung in andere Berei-
          Sie sind Facharzt FMH für Allge-  stufen ist, ist für viele Menschen                                belastet. Einsparungen tönen auf  che. Die Grundversorgung ge-
          meine Innere Medizin im Doktor  ohne medizinisches Fachwissen                                       den ersten Blick verlockend, bei  rät dadurch noch mehr unter
          Zentrum in Wettingen. Wie hat  nicht möglich.                                                       genauerer Betrachtung ist es wie  Druck und droht auszusterben.
          sich die Gesundheitsbranche in                                                                      vorgängig beschrieben ein Eigen-  Stirbt die Hausärztin, dann ster-
          den letzten zehn Jahren verän-   Sie verfügen über 18 Jahre Er-                                     tor.  Auch  die Idee,  Kosten  des  ben Patienten.
          dert?                            fahrung in Ihrem Beruf und ken-                                    Gesundheitswesens an die all-
          Dr. med. Stephan Steiner: In  nen die Gesundheitsbranche.                                           gemeine Teuerung zu koppeln,  Was wären die Folgekosten der
          den letzten zehn Jahren sind für  Wie effizient ist die Aargauische                                 funktioniert nicht. Das Bevölke-  Kostenbremse?
          mich einige Tendenzen wahr-      Gesundheitsversorgung und wo                                Bild: zVg  rungswachstum, die Altersstruk-  Es würde bedeuten, dass wir
          nehmbar. Zum einen der zuneh-    liegen die grossen Herausforde-  Dr. med. Stephan Steiner: «Die Kos-  tur der Bevölkerung und Erkran-  zwar gleich viel für die Grund-
          mende  «Druck»,  Patientinnen  rungen?                            tenbremse-Initiative führt dazu, dass   kungen wie Übergewicht werden  versicherung bezahlen, jedoch
          und Patienten ohne hausärztli-   Die Aargauische Gesundheits-     wir zwar gleich viel für die Grundver-  ausser Acht gelassen, obwohl  weniger dafür erhalten, selbst
          che Betreuung neu aufnehmen  versorgung ist meiner Meinung  sicherung bezahlen, jedoch weniger      dies direkt eine Auswirkung auf  bezahlen müssen oder die Be-
          zu müssen, damit die Notfallsta-  nach sehr effizient, ist aber auf-  dafür erhalten, selbst bezahlen müs-  die Gesundheitskosten hat.   handlungen verzögert erfolgen.
          tionen nicht mit Bagatellen über-  grund der chronischen Überlas-  sen oder die Behandlungen verzögert                               Verzögerte Behandlungen  be-
          füllt werden. Durch den Mangel  tung in einem äusserst labilen  erfolgen.»                          Medizinische  Versorgung wird  deuten schwerere Erkrankun-
          an Ärztinnen und Ärzten in der  Zustand. Das System läuft kon-                                      mit dieser Kostenbremse-Ini-     gen und dies wiederum höhere
          Grundversorgung (Hausarztme-     stant am Anschlag, der Frust ist  ber wir am 9. Juni abstimmen.  tiative von der Konjunktur ab-     Kosten. Damit würde genau
          dizin, Kinder- und Jugendmedi-   verständlicherweise vielerorts  Sie will den kontinuierlichen  hängig. Wieso ist das gefähr-        das Gegenteil des gewünsch-
          zin und Psychiatrie) gibt es viele  aufgrund der genannten Verän-  Anstieg auf politischer respek-  lich?                            ten Effekts eintreten. Für Haus-
          Patientinnen und Patienten, die  derungen gross bis sehr gross.  tive gesetzlicher Ebene stoppen.  In  wirtschaftlich  schlechten  halte mit überdurchschnittli-
          keine andere Anlaufstelle als die  Es gibt Umfragen unter Ärztin-  Ist dies aus Ihrer Perspektive  Zeiten geht es den Menschen  chem  Einkommen  wäre  dies
          Notfallstationen haben.          nen und Ärzten, in denen über  als Aargauer Hausarzt der rich-     tendenziell schlechter (Stich-   wohl tragbar. Für jene 50 Pro-
          Daneben kämpfen wir seit Jah-    50 Prozent der Befragten ange-   tige Weg?                         wort Arbeitslosigkeit) und sie  zent Haushalte mit unterdurch-
          ren  um  die  Einführung  eines  ben, an Burnout-Symptomen zu  Eindeutig NEIN. Da die Bevöl-        sind mehr krank. Genau dann  schnittlichem Einkommen ent-
          neuen Tarifsystems (TARDOC),  leiden. Dies ist beängstigend. Die  kerung einerseits zahlenmäs-      muss in die Gesundheit inves-    steht eine Zweiklassenmedizin.
          welches flexibler auf die Ent-   aktuelle Polemik mit dem «Doc-   sig zunimmt, andererseits eine  tiert werden. Die COVID-Pan-       Diese gilt es für mich aus ethi-
          wicklungen reagieren kann, als  tor-Bashing» hilft hier ganz si-  Überalterung der Gesellschaft  demie hat uns dies erst kürzlich  schen  Gründen  unbedingt  zu
          das überaltete momentane Ta-     cher nicht!                      Tatsache ist, müssen die Kosten  vor Augen geführt. Müssten wir  verhindern. Wir Ärztinnen und
          rifsystem (TARMED). Der Kos-                                      des Gesundheitswesens zuneh-      dann die medizinische Versor-    Ärzte  haben  den  hippokrati-
          tendruck in der Grundversor-     In  welche Richtung entwickelt  men. Daneben sind Übergewicht  gung einschränken, wäre dies  schen Eid geschworen und wol-
          gung  steigt,  da  wir  in  einem  sich unser Gesundheitswesen,  und begleitender Bewegungs-        fatal und die Folgen nicht ab-   len kranke Menschen behan-
          tariflich regulierten Umfeld der  im Speziellen die Hausarztpra-  mangel ein grosses gesellschaft-  sehbar.                          deln und heilen – unabhängig
          freien Markwirtschaft ausgelie-  xen?                             liches  und  medizinisches                                         von Alter, Geschlecht, Haut-
          fert sind, was Löhne der Mit-    Die Hausarzt-, Kinder- und Ju-   Problem. Es sei denn, wir ent-    Das Gesundheitswesen ist jetzt  farbe, Glaube, sexueller Orien-
          arbeiterinnen und Mitarbeiter,  gendmedizin- und Psychiatrie-     scheiden als Gesellschaft, dass  schon stark reguliert. Mit die-   tierung und sozialem Status.
          Miete, IT- und Energiekosten  praxen sind an letzter Stelle der  wir unsere hochstehende Medi-      ser  Kostenbremse  würde  es
          anbelangt. Einen Teuerungsaus-   «Nahrungskette», obwohl unsere  zin nicht mehr erhalten wollen  noch stärke beschnitten. Wie             Interview: Corinne Remund
          gleich bei den Einnahmen ken-    Arbeit nachgewiesenermassen  und freiwillig auf Behandlungen,  sehen Sie das?
          nen wir nicht, müssen ihn aber  die kostengünstigste Art der me-  die aus der Grundversicherung  Leider ist der politische Wille
          bei den Ausgaben mitmachen.  dizinischen Versorgung darstellt.  bezahlt werden,  verzichten.  zu wenig vorhanden, das Sys-             Dr. med. Stephan Steiner,
          Der Taxpunktwert ist im Aargau  Wir können in unseren Praxen  Unser solidarisches System er-        tem zu vereinfachen. Ein ers-      Facharzt FMH für Allgemeine
                                                                                                                                                 Innere Medizin / Fähigkeits-
          seit 2007 unverändert.           bekannterweise 80 bis 90 Pro-    möglicht allen eine gleiche, qua-  ter Schritt wäre sicher die Ein-  ausweis Manuelle Medizin
          Die administrativen Aufwände  zent der Probleme abschlies-        litativ sehr gute Behandlung.  führung des TARDOC.  Dieser           SAMM wurde 1978 in Zürich
          haben spürbar zugenommen,  send  lösen.  Trotz  Verankerung  Die Kostenbremse-Initiative ist  ist  von  der  Ärzteschaft  schon        geboren und ist in Eggenwil
          sei es bei Rückfragen/Rechtfer-  der Sicherstellung einer Grund-  eine direkte Gefährdung die-      lange  abgesegnet,  wird  aber     (AG) aufgewachsen. Nach der
          tigungen  für  Therapien  gegen-  versorgung in der Bundesver-    ses Systems. Wer selbst bezahlt,  vom Eidgenössischen Departe-       Bezirksschule in Bremgarten
          über den Krankenkassen, neuen  fassung (Abstimmung 2014) ist  der bekommt schon heute alles,  ment des Innern/vom Bundes-              (AG) folgte die Matura an der
          behördlichen Auflagen (Daten-    hier noch viel zu wenig gesche-  was gewünscht ist, daran würde  rat und von Santésuisse blo-         Kantonsschule  in  Baden. Er
          schutzgesetz, Sicherheitskon-    hen. Ohne die äusserst befriedi-  auch die Initiative nichts än-   ckiert. In den letzten 20 Jahren   ist seit 2023 Mitglied der Ge-
          zepte, Elektronisches Patien-    gende Arbeit, welche wir tagtäg-  dern. Eine Zweiklassenmedizin  gab es 44 Revisionen des Kran-       schäftsleitung  des Aargaui-
          tendossier, Qualitätsnachweise/  lich  mit  den  Patientinnen  und  wäre aber die direkte Folge.    kenversicherungsgesetzes. Jede     schen Ärzteverbandes. Seit
          Zertifizierungen).Schliesslich  Patienten  erleben, wären  wohl                                     Revision bedeutet für alle Betei-  2016 ist er Hausarzt am Dok-
          ist seit der COVID-19-Pande-     viele Ärztekolleginnen und -kol-  Wieso steigen denn die Prämien  ligten einen enormen adminis-       tor Zentrum Wettingen
          mie auch eine veränderte Erwar-  legen nicht mehr in der Grund-   respektive die Gesundheitskos-    trativen Aufwand mit entspre-         www.doktorzentrum.ch
          tungshaltung der Bevölkerung  versorgung tätig. Etliche Pra-      ten jährlich so massiv?           chenden Kosten.
          an die medizinische Versorgung  xen finden keine Nachfolge und  Für mich sind vier Faktoren ent-
          wahrzunehmen:  Vor  zehn  Jah-   drohen aufgrund Pensionierung  scheidend:
          ren erfolgte ein Arztbesuch auf-  der Inhaberärzte zu schliessen.  •  Die Überalterung und da-       NEIN-Komitee
          grund von Symptomen mit ent-     Was das für die Kostenentwick-       durch mehr ältere, kranke
          sprechenden Abklärungen zum  lung im Gesundheitswesen be-             Personen, denen wir eine       Bis heute gehören dem Komitee folgende Organisationen an:
          Ausschluss einer Erkrankung.  deutet, muss ich hier wohl nicht        hochstehende Medizin er-       •  Schweizerischer Verband der Berufsorganisationen im Ge-
          Heute erfolgen Arztbesuche häu-  ausführen. Die demographische        möglichen.                         sundheitswesen (svbg)
          fig ohne Symptome, es soll si-   Entwicklung der Bevölkerung  •  Das steigende Auftreten von         •  Spitex Schweiz
          chergestellt werden, dass keine  zeigt, dass in den nächsten Jah-     Zivilisationskrankheiten wie   •  Haus- und Kinderärzte Schweiz (mfe)
          Erkrankung vorliegt. Die Ab-     ren bis Jahrzehnte sehr viele        Übergewicht, Blutzucker.       •  Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pfle-
          klärungen sind jeweils dieselben,  Menschen in ein Alter kommen,  •  Die eingangs erwähnte Er-           gefachmänner (SBK)
          mehr Patientinnen und Patien-    in dem chronische Erkrankun-         wartungshaltung  der  Bevöl-   •  Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH)
          ten müssen abgeklärt werden  gen auftreten. Diese Erkrankun-          kerung, eine Bestätigung zu    •  Schweizer Physiotherapie Verband (Physioswiss)
          mit entsprechender Kostenfolge.  gen bedingen einerseits viel Ab-     erhalten, gesund zu sein und   •  Foederatio Medicorum Chirurgicorum Helvetica (FMCH)
          Die Unsicherheit bezüglich Ein-  klärungs- und Betreuungsbedarf,      die Unsicherheit betreffend    •  Schweizer Dachverband der Ärztenetze (medswissnet)
          ordnung von Symptomen/Be-        andererseits dementsprechend         körperlicher oder psychi-      •  Die Spitäler der Schweiz (H+)
          schwerden nimmt zu – und dies  auch Kosten.                           scher Symptome.                •  Schweizerischer Apothekerverband (pharmaSuisse)
          trotz  zunehmender  Verfügbar-                                    •  Der zunehmende administ-        •  Schweizerisches Konsumentenforum (kf)
          keit von Informationen im Inter-  Kommen wir zur Initiative «Für      rative Aufwand, welcher von
          net. Die Gewichtung, ob etwas  tiefere Prämien – Kostenbremse         der Kernaufgabe der Patien-    www.nein-zur-kostenbremse.ch
          als schlimm oder harmlos einzu-  im Gesundheitswesen», worü-          tenbetreuung abhält.
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